Vortragsreihe „Die Zukunft hat schon begonnen“

25. Oktober 2017 bis 28. Februar 2018, Frankfurt

 

Wie wird sich unser Planet entwickeln? Dank des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts zu einem guten Ort für immer mehr Menschen – oder aufgrund unserer großen Eingriffe in die Ökosysteme zu einem sinkenden Schiff? Werden wir auch künftig auf gute Lebensbedingungen vertrauen können, für möglichst viele? Was passiert, wenn die Eiskappen schmelzen und die Landnutzung weiter zunimmt, und wie können wir solche zukünftigen Entwicklungen überhaupt abschätzen? Kann die Forschung den in sie gesetzten Erwartungen gerecht werden?

Die Vortragsreihe beschäftigt sich mit den künftigen Möglichkeiten und Spielräumen des Menschen auf der Erde und thematisiert, an welch für die Menschheit entscheidendem Punkt wir heute stehen. Sie verdeutlicht, was die neuen Fragen und Probleme für die Arbeitsweise in der Wissenschaft bedeuten, wie fundierte Lösungsansätze, Modelle und Prognosen für künftige Entwicklungen erarbeitet werden und welche Institutionen in diesem Feld aktiv sind. Dies geschieht u. A. anhand aktueller, von Forscherinnen und Forschern entwickelter Ideen, Utopien und Lösungen, die uns heute noch futuristisch erscheinen mögen, deren Umsetzung aber vielleicht bald keine Zukunftsmusik mehr ist.

 

Mittwoch, 25.10.2017
Stephan Schindele, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Freiburg

Doppelte Ernte auf gleicher Fläche?! Agrophotovoltaik – Ressourceneffiziente Landnutzung

Nutzungskonflikte um Land sind heute an der Tagesordnung: Sollen Ackerflächen für den Anbau von Nahrungspflanzen, für Agrokraftstoffe oder auch zur Aufstellung von Photovoltaikanlagen(PV) dienen? Der neue Ansatz der Agrophotovoltaik ermöglicht eine landwirtschaftliche Nutzung unter speziell zu diesem Zweck entwickelten PV-Anlagen. Mit dieser ressourceneffizienten Doppelnutzung könnte künftig der Nutzungskonflikt zwischen Energie- und Landwirtschaft durch eine harmonische Doppelnutzung der Flächen entschärft und gleichzeitig die Wertschöpfung in der Region und die ländliche Entwicklung gefördert werden. Eine globale Lösung?

Stephan Schindele leitet die „Innovationsgruppe-Agrophotovoltaik: Beitrag zur ressourceneffizienten Landnutzung“ am Fraunhofer ISE und ist Dozent zu „Dezentralen Energiesystemen und Energieeffizienz“ an der technischen Fakultät der Hochschule Reutlingen. Er möchte den Ausbau der erneuerbaren Energien vereinbar machen mit der Erhaltung von Kulturlandschaften.

 

Mittwoch, 8.11.2017
Dr. Tobias Erb, Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie, Marburg

Mit künstlicher Fotosynthese gegen den Klimawandel

Das Treibhausgas Kohlendioxid könnte sich künftig mit einem neuen Ansatz aus der Atmosphäre entfernen lassen: Mit einem künstlichen, dabei aber komplett biologischen Stoffwechselweg, der nach dem Vorbild der Fotosynthese das CO2 aus der Luft bindet, und zwar mit zwanzig Prozent höherer Effizienz, als das Pflanzen fotosynthetisch können. Das neue System, ein auf den Namen CETCH getaufter Zyklus, basiert auf der Wirkung von 17 verschiedenen Enzymen und wurde zunächst am Reißbrett geplant – und dann im Labor erfolgreich in die Realität umgesetzt. Für die praktische Anwendung könnten die für den Zyklus nötigen Gene in ein Bakterium oder eine Alge verfrachtet oder auch an Solarzellen gekoppelt werden – ein Meilenstein auf dem Weg zur künstlichen Fotosynthese.

Tobias Erb, Direktor der Abteilung „Biochemie und Synthetischer Metabolismus“ am MPI für terrestrische Mikrobiologie, erforscht bisher unbekannte Mechanismen, mit denen Mikroorganismen CO2 umwandeln. Er will verstehen, wie diese neuen Stoffwechselprozesse funktionieren und wie wir sie künftig für eine nachhaltige Rohstoffgewinnung einsetzen können.

 

Mittwoch, 29.11.2017
Prof. Anders Levermann, Ph.D, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Den Meeresspiegelanstieg einfach wegpumpen – Utopie oder Möglichkeit?

Der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels bedroht Küstenregionen weltweit. Ob er mit einem noch nie dagewesenen technischen Eingriff ins Erdsystem bewältigt werden könnte, hat ein Team des PIK durchgerechnet. Der kühne Ansatz: Große Wassermassen werden auf den antarktischen Kontinent zu pumpen, gefrieren dort und werden so den Meeren entzogen. Um die derzeitige Anstiegsrate des Meeresspiegels auszugleichen und das Wasser weit genug ins Landesinnere zu pumpen, damit es dort über lange Zeiträume gefroren gespeichert bleibt, müsste ein Zehntel der aktuellen weltweiten Energieversorgung aufgewendet werden – alternativ könnte der Strom direkt vor Ort durch Windturbinen erzeugt werden. Wäre dies tatsächlich eine machbare, nachhaltige Lösung?

Anders Levermann ist Professor für die Dynamik des Klimasystems und Leiter der Forschung zu globalen Anpassungsstrategien am PIK sowie Wissenschaftler an der Columbia Universität in New York. Er setzt sich für globale und dabei faire Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel ein.

 

Mittwoch, 06.12.2017
Klaus Hagedorn, Thinktank 2° Investing Initiative

Investoren im grünen Bereich? Neue Klimatransparenz im Finanzwesen

Selbst Anleger und Banken, die eine klimafreundliche Investitionsstrategie anstreben, wissen oft nicht, wie sie durch komplizierte Firmengeflechte an nicht-nachhaltigen fossilen Energien beteiligt sind. Ein frei nutzbares Modell ermöglicht es aber jetzt, die „2°C-Kompatibilität“ klimarelevanter Vermögenswerte und Investitionen zu quantifizieren. So kann künftig auch verstärkt dringend benötigtes privates Kapital für ein kosteneffizientes Erreichen des 2°C-Klimaziels mobilisiert werden. Im Vortrag wird auch diskutiert, inwieweit das Tool künftig auf weitere Sektoren erweitert werden kann und wo derzeit noch die Grenzen der Analysemöglichkeiten liegen (z.B. Auswirkungen von Investitionen auf Ökosysteme).

Die Denkfabrik 2° Investing Initiative ist weltweit führend bei der Entwicklung von Klimaindikatoren für den Finanzsektor. Die 2012 gegründete Initiative arbeitet in Paris, Berlin, London und New York mit dem Ziel, Finanzmittelflüsse mit dem im Pariser Übereinkommen definierten Klimaziel in Einklang zu bringen und betreibt entsprechende Forschungsprojekte. Klaus Hagedorn ist Physiker und Experte für erneuerbare Energien und arbeitet im Thinktank als Analyst.

 

Montag, 8.1.2018
Prof. Dr.-Ing. Jan Wörner, Generaldirektor der European Space Agency

Moon Village: Eine neue Vision für den Aufbruch ins Universum

Ein globales Dorf auf dem Mond, das verschiedenen Ländern und Akteuren gemeinsam als Standort für kommende Weltraum-Projekte und als räumliches und technologisches Sprungbrett in eine Zukunft im All dienen soll – die Idee ist bestechend. Die permanente Station könnte die Internationale Raumstation ablösen und wäre vor allem ein Ort der Forschung. Aber auch Rohstoffe könnten gewonnen und – mit deutlich geringerem Aufwand und Kosten als von der Erde aus – Missionen in weit entfernte Regionen des Alls vorbereitet werden. Auch Touristik und weitere neuartige Konzepte sind denkbar. Zudem würde ein solches Pionierprojekt einen gewaltigen Schub in der internationalen Zusammenarbeit in Technik und Politik bedeuten – in Krisenzeiten besonders wichtig.

Der Bauingenieur Jan Wörner war Professor an und Präsident der TU Darmstadt, viele Jahre Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und ist seit 2015 Generaldirektor der ESA, wo er die Weichen für das lunare Dorf stellen möchte.

 

Mittwoch, 17.1.2018
Prof. Dr. Jana Revedin, Architektin und Professorin, École spéciale d’Architecture, Paris; Universität Lyon

Radikant: Architektur als kollektiver Prozess

Auf der ganzen Welt lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, der Anteil steigt weiter. Hier liegt deshalb einer der Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit. Wie können diese Menschen versorgt werden, wie wachsen die Infrastrukturen mit – und wie werden/bleiben die Städte dabei auch noch lebenswert? Die drei Grundfragen „Was ist schon da? Was wird gebraucht? Wie gestalten wir?“ an der Basis jeder Aufwertung von Lebensraum spielen heute in der nachhaltigen Architektur und Städtebau eine herausragende Rolle und können nur im Zusammenwirken aller Beteiligten nachhaltig beantwortet werden. Der Vortrag führt ein in “radikantes Gestalten” als kollektiver Programmierungs-, Entwurfs- und Produktionsprozess und erläutert die Methode anhand ausgeführter Stadterneuerungs- und Forschungsprojekte und stellt aktuellste Strömungen in nachhaltiger Architektur und Städtebau vor.

Die vielfach ausgezeichnete und international agierende Architektin Jana Revedin ist Professorin an der École spéciale d’Architecture in Paris, hat 2007 den Global Award for Sustainable Architecture ins Leben gerufen und Stadterneuerungsprojekte auf der ganzen Welt umgesetzt.

 

Mittwoch, 31.1.2018
Dr. Carsten Nowak (Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung), Dr. Christof Schenck (Zoologische Gesellschaft Frankfurt, ZGF), Axel Gomille (Biologe, Fotograf und Filmemacher)

(K)Ein Platz für wilde Tiere? Die Zukunft der Großtierfauna in Europa und der Welt

Große Wildtiere bereichern heute wieder vielerorts die europäische Natur und sind streng geschützt – nicht zur Freude aller. Um Wolf und Bär gibt es heftige, emotionsgeladene Diskussionen. Neue molekularbiologische Forschungsansätze, wie die SGN sie betreibt, helfen zu verstehen, wie sich Wildtiere ausbreiten und liefern wichtige Daten zu Bestandsentwicklungen und Mensch-Wildtierkonflikten, die die Grundlage für ein faktenbasiertes, wissenschaftlich fundiertes Wildtiermanagement darstellen. Dort, wo große Wildtiere noch ursprünglich vorkommen, wie z.B. in Afrika und Asien, sieht ihre Zukunft allerdings nicht rosig aus. Überall sind die Großtiere stark auf dem Rückzug, massiv bedrängt und bedroht durch den Menschen. Welche Ansätze können dort das Überleben dieser Arten sichern? Die ZGF verfügt hier über umfassende Erfahrungen in vielen Regionen der Erde. Sind diese auch für Europa hilfreich? Und wie können wir Europäer überhaupt den Schutz von Löwe und Elefant fordern, wenn es uns nicht gelingt, uns mit einzelnen Bären oder ein paar hundert Wölfen zu arrangieren? Eindrucksvoll abgerundet wird der Abend durch Fotos von Axel Gomille, der sich schon lange fotografisch mit dem Zusammenleben von Mensch und großen Tieren auseinandersetzt.

Carsten Nowak ist Leiter des Fachgebietes Naturschutzgenetik am Senckenberg Forschungsinstitut in Gelnhausen und möchte mit seiner Forschung ein nachhaltiges Wolfsmanagement unterstützen. Für Christoph Schenck, Geschäftsführer der ZGF und Biologe, gehört ein faires Miteinander zwischen Tier und Mensch zu einer gemeinsamen nachhaltigen Zukunft. Axel Gomille beschäftigt sich als Wildlife-Fotograf, Filmemacher und Journalist mit Wildtieren. Dabei geht es ihm stets darum, Wege für ein Miteinander von Mensch und Tier aufzuzeigen.

 

Mittwoch, 14.2.2018
Prof. Dr. Klaus Kümmerer, Leuphana Universität Lüneburg

Nachhaltige Entwicklung – auch eine Frage der richtigen Chemie

Viele Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen können ohne Chemie nicht erreicht werden. Gleichzeitig können die Beiträge der Chemie auch ihre Schattenseiten haben. Nachhaltige Chemie ist eine neue, umfassende Sichtweise, die es ermöglicht, dass Chemie künftig zur Nachhaltigkeit beiträgt. Sie erfordert ein neues Selbstverständnis der Chemikerinnen und Chemiker und eine intensivere Zusammenarbeit aller, die an der Erforschung, Herstellung und Nutzung chemischer Produkte beteiligt sind. Damit ergeben sich jedoch auch Chancen, z.B. für neue Stoffe und Materialien, ihre Konzeption und Verwendung, aber auch neue Geschäftsmodelle. Der Vortrag zeigt anhand aktueller Beispiele, welche spannenden Möglichkeiten sich hier für eine nachhaltige Zukunft auftun.

Für Klaus Kümmerer, Professor für Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen, darf eine zukunftsfähige Chemie nicht nur die Funktionalität von Produkten in den Fokus nehmen, sondern muss bereits bei der Entwicklung auch deren „Lebensende“ nach der Nutzung und Alternativen im Blick haben.

 

Mittwoch, 28.02.2018
Senckenbergforum „Zukunft“

„Heilsbringer Wissenschaft – kann Forschung die Menschheit retten?“

Welche Rolle spielt die Wissenschaft tatsächlich bei der Zukunftsgestaltung, was kann sie beitragen? Hält sie tatsächlich alle Lösungen schon bereit – und warum werden diese nicht umgesetzt? Durch welche Hemmnisse wird der Input der Wissenschaft verhindert, oder gar ausgebremst? Wie kann ihr zu mehr Gehör und verstärkter Umsetzung verholfen werden? Hier sollen die Naturwissenschaft ebenso einbezogen werden wie Sozial- und Gesellschaftswissenschaften.

Podiumsgäste:
Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese (zuständig für den Bereich Science & Society bei Senckenberg)
Prof. Dr. Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften
Prof. Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand (Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
MdB Michael Kretschmer (Forschungspolitiker)
Emmerich Müller, Bankhaus Metzler und Mitglied des Verwaltungsrats der SGN

Moderation:
Eric Mayer, TV-Moderator & Wissensjournalist

 

 

Abbildung: CMF | Die Sales Agentur